Wabi Sabi verstehen – Warum Unvollkommenheit Ruhe schenkt

Wabi Sabi verstehen – Warum Unvollkommenheit Ruhe schenkt

Es gibt eine leise Sehnsucht, die viele von uns kennen.
Nach Momenten, die nichts von uns wollen. 
Momente, in denen wir keine Erwartungen erfüllen müssen. Vor allem nicht unsere eigenen.  Keine To Do´s. Einfach mal nichts. Durchatmen. Meist können wir das dann schon nicht mehr und werden hubbelig im Kopf.

In einer oft lauten, schnellen, perfekten und hitzigen Gesellschaft,
entsteht in uns unbemerkt etwas zutiefst essenzielles:

Der Wunsch nach Echtheit. Pur, unverfälscht, und genau dadurch so schön.
Und nach Ruhe. Nach Genuss. Nach einfach sein. Ich sein. Fühlen können. 

Wabi Sabi beschreibt genau das. Eine Haltung, die Schönheit im Unvollkommenen findet. Die Momente und Vergänglichkeit zelebriert. Ecken, Kanten und Macken liebt, weil sie Seele haben.


Was genau ist Wabi Sabi?

Ich möchte dir nun keinen Wikipedia Text bieten. Dort findest du alles, was geschichtlich wichtig ist. Ich möchte dir die Tiefe beschreiben. Die Tiefe, die unser Leben so wunderschön bereichert. Das "gelebte Wabi Sabi". 

Wabi Sabi ist kein Stil. Kein Trend.
Und nichts, das man einfach „machen“ kann.

Es ist eine Haltung. Ein inneres Verständnis für die Ursprünglichkeit des Lebens. Verkörpert lässt es keine Fragen offen, sondern feiert es in all seinen Facetten. Fernab von dem, was dein Alltag manchmal laut schreien mag. Ist es leise. Zurückhaltend. Mit Fokus einzig auf das was ist, nicht was sein sollte.

Nicht wer du sein solltest, sondern wer du im Herzen bist. Tragend in all dem, was das Leben aus macht. Das macht es so bereichernd, weil es auffängt und trägt.

Wabi Sabi sieht Schönheit nicht im Perfekten.
Sondern im Echten. Im Gewachsenen. Im Unfertigen.

Die Schönheit lebt in Dingen, die Spuren tragen.
Die gelebt wurden.
Die nicht glatt sind, sondern ehrlich.

Es geht nicht darum, etwas schön zu machen.
Sondern darum, zu erkennen, dass es das längst ist.

In seiner Unvollkommenheit.
In seiner Vergänglichkeit.
In seinem ganz eigenen Ausdruck.

Wabi Sabi erinnert uns daran, dass nichts bleiben muss, wie es ist. Dass nichts bleiben wird, wie es ist. Und genau darin liegt eine tiefe Ruhe.


Warum es uns heute so fehlt. 

Oder eher, warum es uns heute so anzieht?

Vielleicht, weil wir gelernt haben, dass alles richtig sein muss.

Dass Dinge fertig sein müssen.
Durchdacht.
Optimiert. 

Immerhin haben wir es vom "Menschen" zum "Optimierungswahnsinnigen" geschafft. Etwas, was mich unter anderem irgendwann zutiefst unglücklich machte, weil ich mich immer mehr "falsch" fühlte. Ich optimiere doch nur, wenn etwas nicht richtig läuft. Als wäre etwas mit mir falsch gewesen. Ich habe lange gebraucht und viel Panik und Angst gehabt bevor ich verstand, dass ich richtig bin, nur all die fremden Erwartungen und Anforderungen nicht.

Wir lernten weniger zu fühlen und mehr auszuhalten. Zu funktionieren, statt zu mutig unserem Herzen Raum zu geben. 

Wir bewegen uns oft in Strukturen, die wenig Raum lassen für das, was einfach da und oft schon richtig ist.

Für das Ungeplante.
Für das Unfertige.
Für das, was sich nicht sofort erklären lässt.

Und das sind doch oft die wahrhaftigen und so schönen Dinge. Das zutiefst ehrliche und schöne lachen. Von Kindern, von uns. Nie geplant. Herzklopfen. Nie geplant. Dieser Moment von Zufriedenheit, weil nichts muss. Nie geplant. Freudentränen. Nie geplant. Gänsehautmomente. Nie geplant. Und nichts davon lässt sich logisch erklären. Wir als Mensch, sind nicht logisch. Sondern faszinierend. 

Und so verlieren wir leise den Zugang zu dem, was uns eigentlich trägt.

Zu Momenten, in denen nichts verbessert werden muss.
In denen nichts fehlt.

Wabi Sabi steht dem still gegenüber.

Ohne Widerstand.
Ohne Anspruch.

Und genau darin liegt etwas, das wir heute kaum noch kennen:

Erlaubnis. Die wir von niemandem brauchen. Die wir uns selbst wieder frei und uneingeschränkt geben dürfen. 

 

Doch Erlaubnis zu was?

Zu leben. Einfach. Leicht. Einfach wir. Ohne Rolle. Ohne Erwartung. Ohne To Do. 

Wer bist du dann? Was bewegt dich und zieht dich, ohne dass du dich wehren kannst. Einfach, weil es richtig ist und zu dir gehört. Hat es genug Raum um sich durch dich zu entfalten?

 

Was Wabi Sabi in uns verändert.

Wenn wir beginnen, die Dinge anders zu sehen, verändert sich nicht zuerst die Welt.

Sondern wir.

Erst wird unser Blick ruhiger, dann unser Herz.
Und weiter. Und weicher.

Wir bewerten nicht mehr ständig. Wir entscheiden immer mehr weise, was wir warum tun wollen. Unsere Zeit ist kostbar. Wir hören uns wieder und auf uns selbst. Wir beginnen dem zum folgen, was ist. Denn es hat wieder wert.

Wir werden kompromissloser und beginnen leise und unterschwellig unser Leben in allen Bereichen zu entrümpeln.

Und da entsteht Raum.

Für das, was da ist.
Für das, was wir fühlen.
Für das, was sich zeigen will, ohne gemacht werden zu müssen.

Wabi Sabi nimmt nichts hinzu.
Es nimmt eher etwas weg.

Den Druck.
Die Enge.
Das ständige „noch nicht genug“, "noch nicht fertig", "noch nicht..." .

Und darunter wird etwas spürbar, das immer schon da war:

Ruhe.

Nichts ist mehr so laut.
Nichts muss mehr spektakulär sein.
Sondern still.
Und tragend.

Und wenn wir "wieder" lernen dieses Stille auszuhalten, finden wir darin uneingeschränkte Erholung. Tiefe, volle Atemzüge. Klarheit und Balance.

 

Wabi Sabi und meine Kunst

Diese Haltung fließt in meine Arbeit.

Nicht als Konzept, sondern als gelebte Grundlage. Denn eine Veränderung in mir bestand darin, dass ich nichts mehr machen und geben möchte, was ich nicht ehrlich selbst lebe. 

Meine Werke entstehen nicht aus dem Wunsch, etwas zu erschaffen,
das perfekt ist. Und sie entstehen nicht mehr aus dem Gedanken, was könnte anderen gefallen. 
Sie entstehen aus mir und dem, was ich fühle, was ich lebe, woran ich glaube, was ich erfahren möchte, wofür ich früher lange kämpfte, was heute einfach fließt.

Sie entstehen ohne Konzept. Nur das Kunstleder oder der Hintergrund geben den groben Rahmen und alles weitere entsteht Atem für Atem, wie es entsteht. Bis ich spüre "Da ist es".

Unverfälscht, rein, nichts vorgebend, was du sehen solltest. Sondern ein weiter Raum für dich und das, was du fühlen möchtest. Ein tiefer Atemzug auf Leinwand.

Schicht für Schicht.
Im Geschehenlassen.

Spuren dürfen bleiben.
Übergänge dürfen weich sein.
Nichts muss sich erklären.

Es geht nicht darum, etwas darzustellen.
Sondern etwas spürbar zu machen.

Einen Raum.
Einen Zustand.
Einen Atemzug.

Vielleicht ist es genau das, was ein Werk geben kann:
Nicht mehr.
Aber auch nicht weniger.